TOP

Pirna: Sandstein, Sonnenstein und die Schweden

Es ist noch frisch an diesem Morgen und so ziehe ich den Reißverschluss meiner Jacke ein bisschen höher und mache mich auf den Weg. Ich bin vor der Pirnaer Touristinformation mit Gästeführerin Gabriele Gerhardt verabredet. Viel weiß ich noch nicht von der Stadt an der Elbe – natürlich, der Sandstein, Canaletto und Tom Pauls sind mir ein Begriff, doch ich will mehr erfahren. Vom Elbeparkplatz geht es zu Fuß in Richtung Altstadt. Der Markplatz ist schnell erreicht, doch meine Augen wandern immer wieder auf den Boden. In langen Reihen leuchten mir bunte Kreuze auf dem Pflaster entgegen und ab und zu sind farbige Kacheln zwischen dem Pflaster zu sehen. Was wohl dahinter steckt?

Gästeführerin Gabriele Gerhardt kennt alle kleinen und großen Geschichten der Elbstadt. Foto: Jens Dauterstedt

Von Weitem erkenne ich eine auffällig gekleidete Person. Gabriele Gerhardt, die in die Rolle einer Bürgersfrau des 17. Jahrhunderts geschlüpft ist, empfängt mich mit einem herzlichen Lächeln und den Worten: „Wollen wir ein bisschen biddeln?“ Auf meinen fragenden Blick schließt sie gleich eine Erklärung an. „Das bedeutet flanieren, spazieren, schlendern und dabei etwas Schönes sehen.“ Na dann, los geht’s.

Die Pirnaer Rathausuhr hütet ein Geheimnis

Zum Anfang erhalte ich einen kleinen historischen Abriss zur Geschichte, von den ersten Siedlungen der slawischen Sorben bis hin zum Aufstieg im 13. Jahrhundert, als vor allem der Sandstein, das Eisenerz und handwerkliches Können Pirna bekannt machten. „Bekannter als Dresden“, fügt Gabriele Gerhardt schmunzelnd hinzu. Das Stapelrecht, durch das Waren drei Tage lang hier gelagert und gehandelt werden mussten, brachte den Aufschwung. Er hielt bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts an. „Dann kamen die Schweden, das erste Pirnaer Elend, eines von dreien“, doch davon will sie mir später erzählen. Ich soll erst einmal an der Rathausuhr ablesen, wie spät es ist. Ich stutze kurz, schaue mir die Uhr genauer an und erkenne halb zehn. „Gut“, sagt die Pirnaerin. „Die Zeiger der Mondphasenuhr sind nämlich vertauscht, der große Zeiger gibt die Stunde und der kleine die Minute an. Dass das an einer Seite unserer Rathausuhr so ist, wissen nicht mal alle Einheimischen. Es soll darauf aufmerksam machen, dass bis ins 18. Jahrhundert hinein die Zeit nur mit dem großen Zeiger gemessen wurde.“ Darunter prangt das golden glänzende Stadtwappen, ein Birnenbaum und zwei Löwen, die für Fruchtbarkeit und Kraft stehen.

Der Erlpeter und die Kaffeesachsen

Doch biddeln wir weiter. Wir schwenken in die Kirchgasse ein und prompt richtet sich der Blick auf die Krone Pirnas, den Sonnenstein, die einstige Festung mit ihrer bewegenden Geschichte. „Diese hat auch mit den Kreuzen auf dem Pflaster zu tun“, erklärt die Gästeführerin, verweist zunächst aber auf die St. Marienkirche zur Linken. Jeden Samstag 18.15 Uhr stellen Posaunenbläser auf dem Balkon der Kirche ihr Können unter Beweis. Als wir um die Ecke biegen, steht eine Kindergartengruppe ganz aufgeregt vor einem Brunnen. Darauf thront der Erlpeter, der wohl beliebteste Pirnaer. Er spendet reinstes Trinkwasser, das sich auch heute noch viele Einwohner in Flaschen mit nach Hause nehmen. „Das Wasser wird dann vor allem zum Kaffeekochen benutzt. Wir sind richtige Kaffeesachsen“, erzählt Gabriele Gerhardt und fügt noch hinzu, dass dies natürlich nur stilecht mit Porzellanfilter und je einer Prise Salz und Zucker zelebriert wird.

Die Schattenseiten des Sonnensteins

Die Bastionen der Festungsanlage sind nur im Rahmen einer Führung zu besichtigen. Foto: KTP Pirna

Schräg gegenüber führt der Weg Richtung Schlossberg und zu der 100-stufigen Treppe am Fuße der Festung Sonnenstein. Ein Teil der sanierten Burg-Festung beherbergt heute das Landratsamt, doch die steinernen Bastionen sind noch immer zu besichtigen. „Hoch oben zeigt sich die beste Aussicht. Das wusste auch schon Canaletto zu schätzen und malte zahlreiche Bilder aus dieser Perspektive, als er von 1753 bis 1755 im Auftrag des Kurfürsten Friedrich August II. hier weilte“, erzählt Gabriele Gerhardt. Erstmals 1269 urkundlich erwähnt, sicherte die Festung einst die Straßen von Stolpen nach Prag und vom Königstein nach Meißen. 1764 wurde sie aufgegeben und als Heil- und Pflegeeinrichtung weiterbetrieben. „Schon damals gab es hier moderne Ansätze, wie die Arbeitstherapie“, klärt sie mich auf. Die Terrassengärten mussten Frauen und Männer gleichermaßen anlegen und pflegen. Hier laufen auch alle farbigen Kreuze aus der Altstadt zusammen. Es sind etwa 14.000 – so viele wie Bewohner der einstigen Pflegeeinrichtung in den Jahren 1940/41 in einer Gaskammer im Keller der Festung im Zuge der Euthanasie ermordet wurden. Seit Juni 2000 erinnert eine Gedenkstätte am historischen Ort mit einem Gedenkbereich und einer Dauerausstellung an die dunkle Geschichte während des Nationalsozialismus.

„Und was bedeuten dann die farbigen Kacheln zwischen den Pflastersteinen, die in der Altstadt zu sehen sind?“ frage ich. „Die Kacheln sind der Kontrastpunkt zu den Kreuzgedenkwegen. Sie sind Entdeckerpunkte für Kinder und weisen die Richtung zu thematischen Spielplätzen. Es gibt auch einen extra Kinderflyer. Der kommt immer gut an“, informiert Gabriele Gerhardt mich. „Apropos Kinder. Wenn wir uns nach rechts wenden, kommen wir zur einstigen Knabenschule. Ihr gegenüber prangt der wohl schönste Erker der Stadt mit einer faszinierenden Geschichte. Der Eigentümer hat damit seiner garstigen Ehefrau ein Denkmal gesetzt. Es gibt viele an den alten Bürgershäusern, aber keinen, der so eindrucksvoll ist“, berichtet Gabriele Gerhardt und erzählt mir die ganze Geschichte …

Wo der Maler Canaletto seinen Pinsel schwang

Alljährlich wird Canalettos bekanntes Bild des Marktplatzes mit zahlreichen Darstellern zum Leben erweckt. Foto: KTP Pirna

Wir wollen weiter in die Schmiedestraße, in der das Geburtshaus Johannes Tetzels steht. Vorher kommen wir aber noch an einer  Suppenbar vorbei, die mich neben ihrem köstlichen Duft auch durch ihre Inneneinrichtung und das illuminierte Tonnengewölbe kurz innehalten lässt. „Diese Art von Gewölben ist in Pirna sehr häufig – genau wie die zahlreichen Hinterhöfe“, weiß Frau Gerhardt. Solch ein Hof gehört auch zum Geburtshaus Johannes Tetzels, dem Widersacher Martin Luthers, der vor allem mit Ablassbriefen handelte. Es ist das älteste Bürgerhaus Pirnas und fällt gleich durch die langgestreckte Renaissancefassade auf. Die faszinierende und sehr gut erhaltene Bohlenstube im Inneren kann beispielsweise bei einer erweiterten Stadtführung am Wochenende besichtigt werden. Beim Hinausgehen macht mich Gabriele Gerhardt auf die Sitznischen am Portal aufmerksam. „Das ist das Radio der vergangenen Zeit. Hier wurde sich hingesetzt, es wurden Nachrichten ausgetauscht oder auch nach Herzenslust getratscht und gelästert“, lacht sie. Überhaupt kommen, wenn man mit wachen Augen durch die Stadt biddelt, noch weitere Häuser mit solchen Eingangsbereichen, verzierten Giebeln, kleinen Figuren und fantasievollen Verzierungen zum Vorschein. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie es im 18. Jahrhundert zu Canalettos Zeit hier ausgesehen haben mag.

Die Marktgasse führt uns wieder Richtung Markt und wir stoppen am Canaletto-Restaurant, genau an der Stelle, an der Bernardo Belotto, genannt Canaletto, sein berühmtes Werk malte. Das Ölgemälde zeigt den belebten Markplatz und im Hintergrund das Rathaus, die Kirche und die Festung. Das Original des italienischen Malers hängt in den Kunstsammlungen in Dresden, doch eine nicht minder eindrucksvolle Replik ist in der Touristinformation zu bewundern. Geschaffen hat diese Christoph Wetzel, der auch 1999 für die Ausgestaltung der Kuppel der Dresdner Frauenkirche verantwortlich war.

Auch die Schweden konnten den Sonnenstein nicht einnehmen

Pirnas Krone, die Festung Sonnenstein, thront über der Altstadt und dem Elbtal. Foto: Jens Dauterstedt

Wir kommen vor der ehemaligen Löwenapotheke zum Stehen. Gabriele Gerhardt hat auch dazu eine Geschichte in petto: „Im Dreißigjährigen Krieg spielte der Apotheker Theophilus Jacobäer eine entscheidende Rolle, als die Schweden großes Elend über Pirna brachten.“ Fünf Monate belagerten sie die Stadt , drangsalierten die Bevölkerung und unternahmen einen Sturmangriff auf die Festung, der misslang. „Sonnenstein konnte noch nie eingenommen werden.“ Doch die Schweden machten die Schifftorvorstadt vor der Festung dem Erdboden gleich. Schließlich sollte das Zentrum sogar abgebrannt werden. Um das zu verhindern, machte sich Theophilus Jacobäer auf den Weg an den sächsischen Hof, um einen Bittbrief an die sächsische Kurprinzessin Magdalena Sibylla von Brandenburg-Bayreuth zu übermitteln, mit der er über weite Ecken verwandt war. Diese wiederum war eine Freundin der schwedischen Königin und setzte sich für Pirna ein. Mit sehr viel Glück konnte großes Unheil abgewendet werden.

Das Schauspiel „Der Retter“, das jedes Jahr zum Tag des offenen Denkmals aufgeführt wird, bringt dieses kleine Wunder auf die Bühne. „Fünf Jahre haben sie danach gebraucht, um Pirna wieder aufzubauen – ein echter Kraftakt“, sagt Gabriele Gerhardt. Diese Kraft wurde auch 2002 und 2013 benötigt, als die schrecklichen Elbehochwasser große Zerstörung mit sich brachten – Elend zwei und drei. An vielen Häusern sieht man noch deutlich, wie hoch das Wasser der Elbe auf dem Marktplatz gestanden hat.

Pirnas Geschichte verewigt in einem Brunnen

Alle Persönlichkeiten, die mit der Geschichte Pirnas zusammenhängen, sind in dieser Brunnenskulptur verewigt. Foto: KTP Pirna

Ich schaue mich weiter um und mein Blick bleibt an einer eindrucksvollen Brunnenskulptur hängen. Sie bringt das, was Pirna ausmacht, auf den Punkt. Ein imposanter Raddampfer mit dem Stadtwappen transportiert neben den Lästerschwestern auch Johannes Tetzel. Mit an Bord sind unter anderem die Turmbläser, ein Bürger, der nach Wasser sucht, und ein Erzbischof, der es angeblich vom Barbier zum hohen Würdenträger gebracht haben soll. Gleich gegenüber, am Ausgangspunkt unseres Spaziergangs, verweile ich noch kurz vor dem Tom-Pauls-Theater und studiere den Spielplan. Die Veranstaltungen sind immer gut besucht und Ilse Bähnert – die Kultfigur des sächsischen Komikers Tom Pauls – kredenzt im angeschlossenen Café die Eierschecke sogar hin und wieder höchstpersönlich.

Christiane Schwarzbach

Die Stadtführung „Biddeln mit Schniddeln“ und weitere thematische Stadtrundgänge, wie zu Pirnas Kaffeegeschichten, zum Dreißigjährigen Krieg oder speziell für Kinder, sind über die Pirnaer Touristinformation buchbar.

Hinterlassen Sie einen Kommentar