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Kulinarische Anekdoten aus der Dresdner Neustadt

Welch Augenschmaus, welch ein Genuss! Ein jeder kennt sie, diese Glückseligkeit beim Vorbeischlendern an Ladenschaufenstern, beim Erhaschen eines Blickes auf die mit Essbarem herrlich dekorierten Thekenauslagen von Konditoren, Feinkostläden, Bistros und Cafés. Bei einer Stadtführung mit „Eat the World“ durch die Dresdner Äußere Neustadt kann man dieses Flanieren und Schauen und die Vorfreude auf gewisse Gaumenfreuden kultivieren.

Führung Café Neustadt Dresden

Tour-Guide Fanny Förster (links) kennt die Dresdner Neustadt wie ihre Westentasche. Foto: Eat the World GmbH

Die Führung bietet ein wunderbar zusammengestelltes Potpourri aus Historie, Geschichten und Anekdoten dieses äußerst charmanten Viertels – und außerdem sechs kulinarische Kostproben in inhabergeführten Restaurants und Lädchen, die sich auf gutes Handwerk berufen und regionale wie saisonale Spezialitäten servieren. Und gibt es wohl etwas Schöneres, als eine Stadt mit allen Sinnen zu erkunden, Aromen, Zutaten und Zubereitungsarten auf ihre Weise erzählen zu lassen?

Ein Viertel mausert sich

Dresdens Altstadt-Ensemble zwischen Frauenkirche und Zwinger ist zweifelsohne ein absolutes Highlight. Doch vis-à-vis, auf der anderen Elbseite, liegt ein weiteres legendäres Viertel, das Beachtung verdient und vielerlei zu erzählen hat: die Neustadt. Sie teilt sich historisch bedingt in die Innere und die Äußere Neustadt, wobei letztere im 18. Jahrhundert noch außerhalb der Dresdens lag. Zu jener Zeit wurde dorthin alles Unliebsame und Anrüchige verbannt, das man in der Stadt nicht haben wollte: Dort wurde Munition gelagert, Pulverfässer und Holz, und dort befand sich zwischen der heutigen Louisen- und Katharinenstraße auch der Galgen, an dem Mörder und Ganoven ihr jähes Ende fanden. Damals war dieser Ort dunkel und verrucht, ein Schauplatz schrecklicher Ereignisse. Hier soll in dieser Zeit auch der berühmt-berüchtigte und gefürchtete Räuberhauptmann Lips Tullian im Beisein Augusts des Starken durch das Schwert enthauptet worden sein. Die Gegend außerhalb der Stadtmauer war schlichtweg ein Ort, den es zu meiden galt.

Kunsthof-Passage Dresden

In der Kunsthof-Passage gibt es überall neue Überraschungen zu entdecken. Foto: Frank Exß (DML-BY)

Von der einstigen Schaurigkeit ist in der Äußeren Neustadt zwischen Bautzner Straße, Albertplatz und Alaunpark jedoch nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: Das Viertel ist ein überaus lebendiger, kreativer, familienfreundlicher und internationaler Stadtteil mit vielen schönen Cafés und Lokalen, Kneipen, Modeboutiquen, Galerien, Bühnen, Clubs und kleinen inhabergeführten Geschäften; ein Quartier mit altem Charme und neuer Anziehungskraft, das tagsüber zum Flanieren einlädt und zu später Stunde die Nachtschwärmer auf den Plan ruft; ein junges, buntes Viertel, das Raum bietet für Subkulturen und alternative Ideen.

Gaumenfreuden unverpackt

Gut ausgerüstet mit einer Serviette, die gleich zu Beginn von Stadtführerin Fanny Förster ausgeteilt wird und ein wichtiges Utensil für dieses kulinarische Abenteuer darstellt, beginnt die Führung durch die Äußere Neustadt zeitgemäß beim Unverpacktladen „Lose“. Besitzerin Berit Lose hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Welt etwas zurückzugeben, und verzichtet in ihrem Geschäft auf jegliche Verpackungen. Nüsse, Öle, Seifen oder Waschmittel wandern stattdessen in beliebigen Mengen in mitgebrachte Tüten und Gläser. Hier gibt es eine erste Stärkung aus zwei Variationen Müsli mit Obst und Milch, bevor es anschließend in die langen, engen Straßenschluchten der im Wesentlichen von der Gründerzeitarchitektur geprägten Neustadt geht.

Müsli Unverpackt-Laden Lose Führung Dresden

Im Unverpackt-Laden „Lose“ beginnt der Rundgang mit einer Kostprobe gesunder Müsli-Variationen. Foto: Eat the World GmbH

Dampf in allen Gassen

Zur Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert siedelten sich zahlreiche Fabriken und Betriebe in der Äußeren Neustadt an, die Gründerzeit ließ die Häuser durchaus farbenprächtig und dekorreich in die Höhe schießen und es dampfte aus unzähligen Fabrikrohren und qualmte aus den Schornsteinen. Hier wurden nicht nur Zigaretten, Zahnpasta und Kaffee im großen Stil produziert. Dresden galt auch über ein Jahrhundert als das „süße Herz Deutschlands“, denn die Stadt an der Elbe war bekannt für die Herstellung von Schokolade und Marzipan. So erzählen die Jordan- und die Timaeusstraße noch von der ursprünglichen Schokoladentradition Dresdens. Den beiden Unternehmern, die ihre gleichnamige Schokoladenfabrik in diesem Karree betrieben, gelang es 1839, erstmals aus Kakao und Milch Milchschokolade industriell herzustellen: Ihr Schokoladenprodukt „Iordita“, von der Dresdner Bevölkerung wegen der ewig dampfenden Schornsteine liebevoll-neckisch „Dampfschokolade“ genannt, verkauften sie europaweit – auch an die Höfe in Prag, Wien und Budapest.

Schlemmen durch die Küchen der Welt

Fanny Förster kennt hier scheinbar jeden Pflasterstein und Winkel und an jeder Straßenecke warten nette Anekdoten über die einstigen und die heutigen Bewohner und die Eigenarten des Bezirks. Die ihr interessiert folgende Menschentraube staunt in die Höhe, in die Ferne, folgt ihrem Zeigefinger und hängt ihr an den Lippen, wenn sie die Entwicklung und Historie dieses Stadtteils vor ihren Augen und Ohren quasi ausbreitet wie eine detaillierte Stadtkarte. Und ebenso begeistert erzählt sie die Geschichten der ausgewählten Läden und Cafés, in denen man während der Führung immer wieder einkehrt und gemeinsam in schönem Ambiente und mit zunehmender Geselligkeit (denn Essen und Kultur verbindet!) eine Kostprobe zu sich nimmt.

Quiche Café Sperling Dresden

Leckere Quiches aus dem Café Sperling werden ebenfalls verkostet. Foto: Eat the World GmbH

Häppchenweise werden während der dreistündigen Führung süße und herzhafte Leckereien gereicht. Und ebenso häppchenweise serviert Fanny Förster auch die kleinen und großen Erfolgsgeschichten, die diesen Stadtteil ausmachen, plaudert von der jeweiligen Küche, den verwendeten Zutaten und Zubereitungen und verschafft in gewisser Weise einen Blick hinter die Kulissen und in die hier in der Äußeren Neustadt heimischen regionalen wie internationalen Kochtöpfe und Backstuben. Von der Wohnsituation und dem Besetzen alter Häuser zu DDR-Zeiten weiß die Stadtführerin genauso zu berichten wie von den diversen sächsischen Erfindungen der letzten Jahrhunderte, die heute allseits und alltäglich Verwendung finden.

Schlemmend, mit angenehm gefülltem Magen und gut unterhalten lässt es sich herrlich durch die Dresdner Neustadt promenieren, durch die schmalen Straßen, durch Überraschungen bereithaltende Hinterhöfe, über Kopfsteinpflaster, über ansehnliche kleine Plätze. Es ist eine durchweg spannende Reise in diese besondere Welt der Äußeren Neustadt – eine schmackhafte und lohnenswerte. Am Ende dieses Rundgangs, wenn sich alle noch von der letzten Spezerei schmatzend die Finger lecken, ist sie spürbar da: diese Glückseligkeit, die einen schlichtweg überkommt … Und sie bleibt auch im Anschluss noch ein ganzes Weilchen!

Autor: Lena Lüpke

„Eat the World“ bietet die kulinarischen Touren durch die Dresdner Neustadt derzeit immer freitags und samstags an.

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