Hinter den Kulissen der Dresdner Semperoper
Auf dem Weihnachtsmarkt im Pariser Quartier Latin herrscht geschäftiger Trubel. Vergnügte Menschen flanieren vor dem Café Momus umher. Kellner eilen zu vollbesetzten Tischen. Von einer quirligen Kinderschar ist der Spielzeughändler Parpignol umringt.
Die opulent ausgestattete Puccini-Oper „La bohème“ gehört seit mehr als 40 Jahren zum Repertoire der Semperoper. Foto: Semperoper Dresden/Klaus Gigga
Die Szene aus Puccinis Oper „La bohème“ wirkt in der Inszenierung der Dresdner Semperoper ausgesprochen opulent. Wohl annähernd 100 Akteure füllen in dem Bild die riesige Bühne. Die reiche Ausstattung und die Vielzahl an Kostümen lassen nur erahnen, welcher Aufwand hinter den Kulissen des berühmten Hauses betrieben wird, um den täglichen Spielbetrieb mit all seinen Produktionen überhaupt zu ermöglichen.
Ausstattung für 50 Inszenierungen pro Jahr
„Wir statten pro Jahr knapp 50 Inszenierungen neu aus“, sagt Ralph Lederer, Direktor der Kostümwerkstätten, die sowohl für die Semperoper als auch für das Dresdner Staatsschauspiel arbeiten. Beide Häuser schlossen sich 2013 zu den Sächsischen Staatstheatern zusammen – mit derzeit insgesamt mehr als 1.000 Angestellten. Nur einen kleinen Teil davon bekommen Zuschauer in einer Vorstellung zu Gesicht.
Zunächst braucht es freilich Wochen oder sogar Monate, um ein Stück herauszubringen.
„Bei einer Oper ist ein Vorlauf von etwa einem Jahr nötig“,
verdeutlicht Lederer. „Im Schauspiel ist die Vorbereitungszeit viel kürzer.“ Bei jeder Neuproduktion werden Gäste für das Regieteam engagiert, das oft international besetzt ist. „Wir besprechen zunächst das Kostümbild und gehen dann zusammen in unseren Fundus, um zu zeigen, was vorhanden ist“, erzählt Lederer.
Ungewöhnliche Aufträge und ein Fundus aus 70.000 Kostümen
Schätzungsweise 70.000 Kostüme haben sich an drei Standorten in Dresden angesammelt. Es sei nicht nur eine Platzfrage, aus abgespielten Inszenierungen möglichst etwas wiederzuverwenden. Auch Nachhaltigkeit und Kostengründe spielten eine große Rolle.
Alle Regieteams bringen eigene Ideen mit und manche erwies sich schon als knifflige Aufgabe. Für die moderne Inszenierung des Balletts „Schwanensee“ etwa wurde ein besonders zarter, transparenter Stoff gesucht, der bei jeder Bewegung sehr leicht schwebt. „Wir haben lange recherchiert und sind schließlich in Japan fündig geworden“, erinnert sich Lederer. So gelang es, mit einem durchscheinend-weißen Schleier auf den hautfarbenen Trikots der Tänzerinnen das Federkleid anzudeuten.
Ein spezieller transparenter Stoff aus Japan kam in der modernen Inszenierung von „Schwanensee“ zum Einsatz. Foto: Semperoper Dresden/Nicholas MacKay
„Wir bestellen Materialien weltweit“, sagt der gelernte Herrenmaßschneidermeister. Heute sei es möglich, viel mehr online einzukaufen. Damit das Lager mit Knöpfen, Garn, Reißverschlüssen, Spitze, Borde, Seide, Samt, Baumwolle und anderen Stoffen stets reichlich gefüllt ist, kümmert sich eine Mitarbeiterin explizit um die Materialverwaltung.
Mitunter hat die Schneiderei auch ungewöhnliche Aufträge zu erfüllen. So wurde in einem sehr speziellen Fall Glasfasergewebe verarbeitet, weil die Kleidung eines Darstellers auf der Bühne brennen sollte.
Wiederverwenden oder neu fertigen
Wenn eine Produktion wie „La bohème“ seit über 40 Jahren auf dem Spielplan steht, müssen Kostüme immer wieder aufgearbeitet oder bei Besetzungswechsel angepasst werden. „Das ist ein ständiger Prozess“, betont Ralph Lederer.
Die Premiere der Inszenierung nach Christine Mielitz fand noch im Dresdner Schauspielhaus statt, bevor 1985 die wiederaufgebaute Semperoper öffnete. Die bis heute modern anmutende Fassung wurde inzwischen mehr als 400 Mal aufgeführt. Allein die Rolle der Mimi haben dabei bislang rund 50 Interpretinnen gesungen.
Der Fundus der Sächsischen Staatstheater umfasst rund 70.000 Kostüme. Foto: Semperoper Dresden/Nadja Möller
Im Idealfall können vorhandene Kostüme wiedervergeben werden. „Wenn wir allerdings nichts im Fundus finden oder etwas verschlissen ist, wird es neu gemacht“, so Lederer. Dann ist oft auch das Geschick der Kostümmalerei gefragt, die dafür sorgt, dass Kleidung wie lange getragen, abgewetzt oder gar speckig aussieht.
Neben Farbe kommen dann manchmal auch Drahtbürste oder Schuhcreme zum Einsatz. Selbst eine eigene Schuhmacherei haben die Staatstheater.
„Vor 30 Jahren waren noch viel mehr Neuanfertigungen üblich“,
verrät der Kostümdirektor. „Heute kann man historische Schuhe auch kaufen.“
Die Kostümabteilung, in der rund 75 Menschen arbeiten, hat ihr Domizil auf dem Areal des früheren königlichen Marstalls am Zwingerteich. Auch die Dekorationswerkstätten mit Schlosserei, Tischlerei, Tapeziererei, Rüstkammer, Malsaal und Theaterplastik sind dort untergebracht – teilweise in historischen Gebäuden, die nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut wurden. Wie die Semperoper war auch die einst geschlossene Vierflügelanlage bei Bombenangriffen im Februar 1945 schwer zerstört worden.
Verwandlung in der Maskenabteilung
In enger Abstimmung arbeiten die verschiedenen Gewerke zusammen, wobei sich solides Handwerk mit Kreativität, Fantasie und künstlerischem Gespür verbindet. Die Maskenabteilung ist darauf spezialisiert, Darsteller für ihre Rollen optisch zu verwandeln.
In der Maskenabteilung werden Perücken in manueller Feinarbeit selbst geknüpft. Foto: Semperoper Dresden/Josefine Lippmann
Ob künstliches Kinn, Hakennase, spitze Ohren, falscher Bart, langer Zopf oder ganze Perücke: „Wir stellen alles selbst her“, unterstreicht die Chefmaskenbildnerin der Semperoper, Heike Hannemann. 40 Stunden oder länger dauert es, um in manueller Feinarbeit eine Perücke zu knüpfen, wofür hauptsächlich behandeltes, eingefärbtes Echthaar und zu einem kleinen Teil auch Kunsthaar verwendet wird.
Wenn drei Leute auf einem Stuhl sitzen …
Fast 60 Menschen sind in den Dekorationswerkstätten beschäftigt, wo alles gefertigt wird, was auf der Bühne steht. „Mit gekauften Sachen sind wir meist schlecht gefahren“, offenbart Produktionsleiter Sebastian Schmidt. Möbel etwa seien im Theaterbetrieb starken Belastungen ausgesetzt.
Ein Stuhl muss es aushalten, wenn er herumgeworfen wird oder dass sich drei Leute gleichzeitig darauf setzen. Bühnenbetten bekommen ein Stahlgestell, das wie andere robuste Konstruktionen in der Schlosserei gebaut wird.
„Wir sind als Schweißfachbetrieb zertifiziert und dürfen tragende Teile selbst herstellen“, berichtet Schmidt. Dafür gelten hohe Sicherheitsstandards einschließlich Bauabnahme. Sogar eine hochmoderne CNC-Maschine zur Bearbeitung von Holz und Kunststoffen steht zur Verfügung.
Robuste Konstruktionen für die Bühne entstehen in der Schlosserei der Werkstätten. Foto: Semperoper Dresden/Lukas Kober
Für alle, die an der Ausstattung mitwirken, sind die Vorgaben von Kostüm- und Bühnenbildner maßgebend.
„Wir folgen der Kunst, dafür sind wir da“,
sagt Schmidt, der selbst Tischlermeister ist. In der Operninszenierung „The Snow Queen“, die im Dezember 2025 herauskam, werden beispielsweise drei hintereinander angeordnete Metallrahmen durch hydraulische Bühnenpodien bewegt. Der angedeutete Raum verengt sich nach hinten und verstärkt dadurch die Perspektive.
In Verdis „Falstaff“ schwebt über der Bühne ein Plafond mit klaren Linien, die in verschiedenen Pastelltönen leuchten. „Die Deckenelemente haben einen Stahlkern und wurden in Metalloptik lackiert“, erzählt der Produktionsleiter.
Zehn Paletten Dekoration für eine Oper
In der Montagehalle entsteht jedes Bühnenbild zunächst im Stahlbau. Wieder zerlegt, werden die Einzelteile in den nachfolgenden Gewerken weiterbearbeitet. „Wir haben nicht die Möglichkeit, im Vorfeld alles komplett aufzubauen“, räumt Sebastian Schmidt ein.
Auffällige, in Metalloptik lackierte Deckenelemente bestimmen das Bühnenbild der Verdi-Oper „Falstaff“. Foto: Semperoper Dresden/Jochen Quast
Zusammengesetzt werde erst auf der „riesengroßen“ und äußerst flexiblen Opernbühne, die eine Tiefe von etwa 45 Metern hat. Die technische Einrichtung dort sei deshalb immer „ein spannender Moment“.
Grundsätzlich muss die Ausstattung für den ständigen Auf- und Abbau geeignet sowie gut transportfähig sein. In der Regel findet die Dekoration einer Oper auf zehn Paletten Platz, die jeweils ein Fassungsvermögen von knapp 40 Kubikmetern haben. 150 davon lagern auf zwei Etagen in einem Magazin, das direkt neben den Dekorationswerkstätten und damit unweit der Semperoper steht. „Mit dem Volumen kann der Spielbetrieb von zwei Monaten abgedeckt werden“, sagt Schmidt.
Bühnenausstattung wird an verschiedenen Standorten gelagert
Dekorationswerkstätten und Kostümabteilung befinden sich auf dem Areal des früheren königlichen Marstalls am Zwingerteich. Foto: Semperoper Dresden/Jochen Quast
Aufgrund des abwechslungsreichen Repertoires findet immer wieder ein Austausch zwischen Magazin und mehreren Außenlagern statt. Das erfordert genaue Logistik, denn die Hallen befinden sich an verschiedenen Standorten innerhalb von Dresden sowie in Ottendorf-Okrilla.
Der Transport erfolgt mit Lkw und speziell angefertigtem Anhänger, von dem die Paletten auf Schienen ins Opernhaus oder ins Magazin geschoben werden. Insgesamt verteilt sich die Ausstattung für das derzeitige Repertoire allein für die Semperoper auf etwa 1.150 Paletten.
Die Werkstätten am Zwingerteich sind nicht nur technisch und personell gut ausgestattet, sondern mit Arbeit im laufenden Spielbetrieb mehr als ausgelastet. Sie erledigen auch manchen Auftrag im eigenen Haus, etwa im Zuschauersaal der Semperoper, der rund 1.300 Personen Platz bietet.
Mit einem Stoff, der die Akustik fördert, müssen regelmäßig Stühle in der Tapeziererei neu bezogen werden, wie Sebastian Schmidt berichtet. Bei nahezu täglich stattfindenden Vorstellungen und einer durchschnittlichen Auslastung von 93 Prozent mag das angesichts der hohen Beanspruchung kein Wunder sein. Vielleicht verfolgen manche Gäste das Geschehen auf der Bühne auch allzu mitfühlend und leiden auf ihrem Sitz heftig mit.
Autorin: Anett Böttger